Donnerstag, 2. Juli 2015

Das Richtig und Falsch von Experten

Nun mag es sein, dass die Welt da draussen so ist wie sie ist. Aber wir müssen sie nun mal beobachten und darüber kommunizieren, um uns in ihr zu orientieren. Die Einschränkungen, die sich daraus ergeben sind in der Wissenschaftstheorie einigermaßen gut reflektiert und werden mal gut mal weniger gut im sich forttragenden Diskurs mitberücksichtigt (Siehe z.B. hier: “Wahrheit ist derjenige Irrtum, der den Weg zum nächstkleineren am besten ebnet.” http://www.mediathek.at/atom/14D00FD8-250-000F5-00000B48-14CEEFB7 )

Die Unterscheidung von Richtig und Falsch ist demnach eine, von uns aufgesetzte, kulturell gepflegte Weise uns (als soziale und psychische Systeme) zu konditionieren. Wer Richtig oder Falsch zu etwas sagt, der hat besser Gründe auf seiner Seite, diese Unterscheidung im Zweifl plausibel zu machen. Nun haben wir uns (bzw. unsere Kultur) scheinbar so an diese Unterscheidung von Richtig oder Falsch gewöhnt - weil sie letztlich so bequem ist und vermeintliches Faktenwissen auswendiglernbar, bzw. relativ voraussetzungsarm wiedererzählbar macht. Viele hätten es offensichtlich gern, Richtig/Falsch wäre nicht eine jeweils perspektivische Unterscheidung (Was ja für sich einfach extrem grossartig ist), sondern sie wäre eine weitergetragene quasi Gottesentscheidung  (btw. wohlgemerkt eine Entscheidung eines Gottes). Aber auch wenn es nicht um religiöse Verwurstung geht, die Art und Weise mit “Wahrheit” umzugehen hat bei vielen quasi-religiöse Züge. Kein Wunder, denn keiner kann letztlich allesverstehend beobachten und jeder braucht komplexitätreduzierende Kunstgriffe um selbst mehr oder weniger Komplexität aufbauen zu können (zu lernen). Oder wie es Humberto Maturana mal sinngemäß sagte: erst müssen wir vertrauen, sonst würden wir garnicht anfangen etwas lesen (dass wir danach wieder, bestenfalls mit einem Erkenntnisgewinn, über den Haufen werfen können). Nun kostet das Offenhalten für die Revidierung des Angeeigneten (das sich oft doch gefühlt so schön bewährt hat) einen relativ großen kognitiven Aufwand. Wenn dieser nun aber vermieden wird - z.B. durch das fehlen einer gesunden Skepsis - und ein Publikum mit so einer Neigung zur Vermeidung der Relativierung des Wissens einem Experten gegenübersteht, der sehr bestimmend die Unterscheidung von Richtig und Falsch verwendet und entsprechend eine Seite mit Honig beschmiert, dann ist es dem Publikum oft schwer zu wiederstehen. Aus verständlichen Gründen, denn:
“[Nicht alle können] alle Voraussetzungen zur Lösung [von Problemen] zu gleicher Zeit in Frage stellen kann, [so] gibt es bei jeder Problemerörterung [Grenzen], und was darüber hinausgeht, muss [in dem Moment] unbefragt angenommen werden. Jeder besonderen Untersuchung einer Frage sind explizit oder zumindest implizit bestimmte Annahmenunterstellt (wie zum Beispiel ceteris paribus). (vgl. Wikipedia https://de.wikipedia.org/wiki/Erkl%C3%A4rungsprinzip )
In diesem Sinne spricht Gregory BAteson von Erklärungsprinzipen als “konventionelle Übereinkünfte [...], die dazu dienen, an [...] bestimmten Punkt mit dem Erklären der Dinge aufzuhören“ (ebd.)

Und heute ist die Frage mehr denn je: Mit welchen Erklärungsprinzipien, lassen sich die Leute überzeugen, welche bekommen Beifall, welche werden mit Mißachtung, oder mit schlichtem Ignorieren beantwortet. Man kann auch fragen in wie weit man als Experte nun selbst einer Verwechlung von Erklärungsprinzip und Welt anheimgefallen sein muss, um überzeugt zu sein. Das aber liegt vielleicht weniger an den Experten, als am jeweiligen Publikum. Das reguliert ja sozusagen die Experten durch Achtungs- und Mißachtungverhältnisse.

Wie letztlich Experten und Publikum ihr Spiel mit Unterscheidungen treiben und diesbezüglich Achtungs- und Mißachtungsverhältnisse pflegen, dass scheint heute relativ gut beschreibbar.

Mein Eindruck ist, dass Wahrheit großflächig als relativ voraussetzungsarm Erkennbar verstanden wird. Man muss sich nur ansehen wie das klassische Fernsehen benutzt wird, dann liegt so ein Schluss zumindest nicht sonderlich weit weg. Häufig wird eine Vulgärvorstellung von Objektivität als “unabhängig vom Beobachter” ins Feld geführt und nicht auf eine Methode, sondern auf ein Ergebnis einer Methode bezogen verstanden. So kommuniziert erhalten Ergebnisse natürlich mehr rhetorische Autorität. 

Objektivität, als methodische Forderung den Beobachter wenn man so will wegzudenken, ist aber eine von vielen Möglichkeiten des wissenschftlichen Methodenpools Arbeitshypotesen aufzustellen und so einen bestimmten Auschnitt unserer Wirklichkeit mit nachvollziehbaren Methoden gemeinsam anzugehen. Auf eine Methode bezogen bedeutet das aber schlicht das sie von anderen nachvollziehbar ist, bzw., dass wir - im besten Fall - den nächstkleineren Irrtum über eine bestimmte Methode implizieren können. Objektiv ist nicht der Schluss, der aus den Daten gezogen wird. Objetiv, bzw. nachvollziehbar sind bestenfalls die Daten selbst.

Das darf man natürlich nicht verwechseln mit der in bestimmten Diskussionen implizierten rhetorischen Objektivität. Diese provoziert die Verwechlung von einem bestimmten Erklärungsprinzip mit der Welt und legt darüber eine wie auch immer faktengestützte Unterscheidung von Richtig und Falsch, während dabei eine Seite mit Honig beschiert wird. Das Publikum steht nun- selbst wenn es keinen Honig mag - erstmal vor nur zwei Möglichkeiten und kann sich nun selbst entscheiden, das ein oder andere als Richtung, bzw. Falsch zu bezeichnen.

Was in solchen Diskussionen weniger zum Ausdruck kommt ist die Tatsache, dass man es weder mit einer einwertigen, noch mit einer zweiwertigen, sondern mit einer Vielwertigen Welt, bzw. erstmal Gesellschaft zu tun hat. Und das jede Fokussierung auf zwei Werte (Richtig/Falsch) - egal welche Seite jeweils mit Honig beschiert wird - in der Beschreibung der Gesellschaft und ihrer Möglichkeiten eine grobe Zumutung ist und bleibt, wohlwissend, dass man sich gemeinsam letztlich für eine Seite entscheiden muss.

Experten, die so auf Bestimmtes fokussieren sind da in der Meinungsbildung natürlich sehr nützlich. Unterstellt, dass wir großflächig gemeinsamen Konsens in bestimmten Erklärungsprinzipien unterstellen müssen (um z.B. sowas wie einen demokratischen Rechtsstaat am Laufen zu halten), der letztlich sehr unwahrscheinlich ist und vor allem immer bleibt. So sind medial vermittelte Expertenmitteilungen ein nicht zu unterschätzendes Moment.

Man kann nun weiter nach der erzieherischen Funktion von Experten fragen und die Gesellschaft pfelgt Erwartungen, in welchem Rahmen sie erträgt, dass Experten mit Überraschungen (nicht vorhererwaretetem) kommen und in welchem Rahmen sie so die Konfrontation mit Mehrwertigkeit, Uneindeutigkeit, Ungemütlichkeit in den jeweiligen Erklärungen dazu, nicht nur erträgt, sondern diese würdevoll behandelt und so in die Zukunft trägt. Amen.

Fragen in diese Richtung scheinen natürlich heute wichtiger denn je, denn von der Alltags-Vulgärform der rhetorischen Objetivität, gehen deutliche totalitäre Implikationen aus. In der radikalen Fokussierung heisst es dann: Das ist Richtig, das ist falsch. Wir liegen richtig. Wer nicht für uns ist ist gegen uns.

Natürlich geht es nicht ohne bestimmte Dinge festzulegen, bzw. ohne einen gewissen abstrakten Konsens, aber die Frage ist letztlich welche Ideologie steht dahinter. Ist es eine, die würdevoll akzeptiert, dass es keine Entscheidung gibt, die allen gerecht wird, die aber auf die ein oder andere Weise akzeptiert wird und so das allgemeinwohl gesucht wird? ist es eine, die mit Abweichungen rigeros umgeht und diese mit allen Mitteln zu vermeiden versucht? Ist es eine die den Unterschied erstmal feiert oder ist es eine die Unterschiede erstmal als Anzeichen eines korrupten Systems begreift? Vieles dabei scheint mit Angst und Macht zu tun zu haben. Die kognitiv einfachere Variante zumindest scheint sich früher oder später als Abstraktion eines mehr oder weniger totalitären Systems zu manifestieren.

Wie auch immer Fragen in diese Richtung angegangen werden:
Unterstellt unsere Wahrheit ist der Irrtum, der den Weg zum nächstkleineren verstopft (und alle Wissehscftasgeschichte spricht dafür) und unterstellt, dass die Menschen nach #wasweissich 30-40000 Jahren, evtl und im besten Fall die meiste Zeit als Spezies noch vor sich haben, besteht eher wenig Anlaß uns erkenntismäßig zurückzulehnen; Das mal unterstellt, kann man getrost im Auge behalten Dinge eher nicht als in Stein gemeißelt zu behandeln.

Aber vor allem denke ich, ist es wichtig die Tatsache im Auge zu behalten, dass es auf quasi alle gesellschaftlichen Probleme eine Vielzahl von gleichberechtigten Möglichkeiten gibt, die nicht wirklich rational in die eine so und so zu bevorzugende Reihenfolge zu bringen sind, die dann einen ausreichenden Konsens über rationale Überzeugung gewährleistet.

Vielmehr scheint es mir, uns als Kultur könnte eine gehörige Portion Ambiguitätstoleranz ganz gut tun, wenn dies auch einen Preis in Form eines deutlich erhöhten kognitiven Aufwands bedeutet.

Fazit:
Meiner Tochter hatte ich mal versucht das Grundproblem folgendermaßen nahezubringen (Auf Nachfrage wohlgemerkt :) Ich habe ihr das Bild von Escher gezeigt, auf dem mehrere oben-unten-Verhältnisse in einen Raum gemalt sind. Man kann sehen wie jemand eine Treppe hinaufgeht und ein anderer, auf derselben Treppe in die gleiche Richtung diese hinuntergeht. (https://www.itp.uni-hannover.de/~dragon/stonehenge/escher.jpg)

Auf ein und derselben Treppe, in eine Richtung gehend, geht es für den Beobachter einmal rauf und einmal runter. Beides ist sozusagen im Bild enthalten. Entweder man sieht das eine oder das andere, je nachdem wie man guckt, bzw auf welchen Kontext man sich bezieht.

So ähnlich ist das mit vielen Problemstellungen und dazu passenden Fragestellungen, die das Zusammenleben und das Erleben und Handeln von vielen betrifft. Die Problemstellung ist wie die Escher-Treppe und zu welcher Entscheidung man bezüglich eines Problems kommt bestimmt ob man jemanden die Treppe raufgehen, oder jemanden die Treppe runtergehen sieht. Richtig oder Falsch ist da nichts. In solchen Momenten hängt dann alles am Beobachter und was dieser an kognitiven Zumutungen sich wünscht, bzw erträgt. Vor allem aber hängt alles daran was er als Gruppe mit anderen Beobachtern aus dieser Situation machen will. https://youtu.be/_9EEBhngahs

Update: Dazu Kusanowsky